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Bye bye, Big Idea! Hello Chatbots?

Ist nur ein paar Wochen her: Ein von Microsoft entwickelter Chatbot namens Tay sollte im Netz von jungen Menschen lernen, wie man kommuniziert. Hat er auch. Allerdings offensichtlich von den falschen Freunden, denn es dauerte keine 24 Stunden, da wurde aus dem netten, freundlichen Tay ein rassistisches Scheusal, das von Microsoft schleunigst offline genommen und „schlafen“ geschickt wurde. Ohne Gute-Nacht-Bussi, vermutlich.

Bestätigung und Wasser auf den Mühlen der Kritiker von künstlicher Intelligenz, ungerührtes Achselzucken bei deren Befürwortern. Denn diese wissen nur allzu genau, dass was heute noch in den digitalen Kinderschuhen steckt, morgen schon aus der Pubertät draußen sein kann und frech die Welt erobert.

Von solchen Beta-Problemen lässt man sich in Tech-Unternehmen nicht einbremsen. Und das heißt: Chatbots sind momentan The Biggest Thing. Und die Bots werden auch besser, keine Frage. Mit fortschreitender Entwicklung selbstlernender Maschinen eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten für die Kommunikation von Unternehmen mit Kunden. Die Giganten wie Facebook, Microsoft und Google wittern da natürlich ein riesen Geschäft und versuchen deshalb, viele externe Dienste und Angebote in ihre eigenen Plattformen zu integrieren.

Aber woher rührt diese Vorfreude auf das Klingeln der virtuellen Registrierkassen eigentlich?

Nun, die guten alten Apps geraten immer mehr ins Abseits. Der durchschnittliche Smartphone-Nutzer ist es einfach leid, für jeden Pimperl-Dienst eine eigene App zu installieren und damit schwinden auch die Geschäftsmöglichkeiten. Im Vergleich dazu erfreuen sich Messaging-Dienste wie WhatsApp und der Facebook-Messenger massiv steigender Beliebtheit und bringen es zusammen auf mittlerweile 1,7 Milliarden aktive Nutzer. (Schau an, Menschen kommunizieren also immer noch gerne über totgesagten Text!) Und da kommen die „Bots für Messenger“ ins Spiel. Mit nicht uneigennützigem Blick auf den Verkauf von Mediaspace wird Marketern von Facebook und Co. die Technik für Chatbots angeboten, dazu momentan auch noch die Möglichkeit individueller Lösungen.

So testet CNN beispielsweise einem Chatbot, der dem User im Chat auf Wunsch News durchschicken kann. Oder eine amerikanische Modekette schlägt passende Schuhe vor, die auch gleich direkt im Messenger bestellt werden können. Interessant daran: die „sprechenden Benutzeroberflächen“ reagieren immer präziser auf Eingaben durch selbstlernende Algorithmen und Big Data-Analysen. Sie werden also nicht nur mit jeder „Interaktion“ klüger, sondern liefern auch individuell angepasste Antworten für jeden User. Und neben Text können sie auch Bilder und Call-to-Action-Buttons (z.B. „Jetzt bestellen“) versenden. Immer und überall.

Die ewige Low-Cost-GRP Anstrengung im klassischen Medienbereich wird also ein kleines Brüderchen bekommen: die Low-Cost-24/7/365 Contentmaschine im Web. Und machen wir uns nichts vor: Das ist keine fiebrige Fantasie mehr, diese Entwicklung wird passieren, findet gerade statt, aber ob das auch für die Marketingindustrie das neue Öl sein wird, wird wohl – abgesehen von den üblichen Verdächtigen mit ihren Glaskugeln – nur die Zeit beantworten können.

Immer langsam mit den Pferden

Für Informations- und Nachrichtendienste, WIKIs oder FAQ-Systeme werden die Bots sicher gut einsetzbar sein, aber ob sie auch in sensiblen Bereichen wie z.B. Beschwerdemanagement praktischen Wert haben werden, darf bezweifelt werden. Von der Erstellung wirklich begeisternden, statt bloß verfügbaren Contents ganz abgesehen.

Denn so lernfähig die Programme dahinter auch sein mögen, so viel Zettabytes an Daten sie auch in Millisekunden verarbeiten können, Leidenschaft werden auch die genialsten Developer nicht coden können. Und ohne Passion und Leidenschaft, wusste schon der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, ist noch nie etwas Großartiges entstanden. Also auch kein großartiger Content.

Zu soviel Prognose lassen sogar wir von Havas uns hinreißen: Die Big Ideas werden auch weiterhin den Unterschied für erfolgreiches Brandbuilding machen. Und smarte Disruption nicht durch permanente Distraktion ersetzbar werden.

Quellen

Photo-Credit: Arthur Caranta