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Der Warenkorb mit Heimweh

Täglich werden abertausende Online Bestellungen von A nach B versendet – wobei A ein weit entferntes Zentrallager und B die eigene Haustüre ist. Das soll in Zukunft anders ablaufen. Zumindest ist das die ambitionierte Vision der österreichischen Post, die mit shöpping.at inländische Versandhändler stärken und Giganten wie Amazon, ebay & Co. Konkurrenz bieten möchte. Der offizielle Startschuss zur Betaphase erfolgt im April. Bis dato sind Partner aus verschiedenen Branchen im Boot und warten gespannt in den Startlöchern, um Versandwege zu verkürzen und den Umsätzen Ausreiseverbot zu erteilen.

Genauso wie Lobu, der lokale Zustelldienst für Bücher aus Büchereien der unmittelbaren Umgebung. Er wurde von zwei Wiener Schülern (16, 17) gegründet, die per SMS-Bestellungen Bücher im 18. Bezirk noch am selben Tag klimaneutral am Drahtesel ausliefern. Positive Resonanz ist da, bis zur Matura soll weiter ausgebaut werden, das Einsatzgebiet soll sich vergrößern, aber zunächst mal auf Wien begrenzen, soll ja alles lokal bleiben. Dennoch ein weltweit ausrollbares Modell. Ob Jeff Bezos von Amazon deswegen weiche Knie bekommt, wird sich zeigen.

Die vielen Kleinen gegen die wenigen Großen

Doch diese Dienste sind kein österreichisches Phänomen, denn auch in anderen Ländern warten ähnliche Anbieter bereits mit regionalen, schadstoffreduzierenden, tierversuchfreien und fair gehandelten Alternativen zu den transkontinentalen Konzernen auf. In der Mode- und Möbelwelt tut sich zum Beispiel was. Umweltverträglichere Pendants zu H&M und IKEA verbreiten sich überall in Europa, um die jeweiligen nationalen Kassen zu füllen. Ohne Importe, ohne Abhängigkeiten. Die Gemeinden dieser Welt ziehen an einem Strang, der Widerstand gegen „die Großen“ steigt – die WeltbürgerInnen sind nun wieder BürgerInnen voller Provinzliebe.

Spürbar wird der wirtschaftliche Lokalpatriotismus auch außerhalb Europas. So darf sich z.B. das Kuriersegment über einen neuen kanadischen Mitspieler freuen. ParcelPal, ein bereits börsennotiertes Zustelldienst-Startup, bietet wie Uber Privatpersonen vom Schüler bis zum Pensionist die Möglichkeit als Bote dazuzuverdienen. Ob man wirklich einer fremden Person seine sorgsam zusammengestellten Warenkörbe anvertrauen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Das Ganze ist zwar auch noch nicht den Beta-Schuhen entwachsen, wird aber heute schon als Multi-Millionen Dollar Business bewertet, das immerhin auf einen, alleine in Kanada, Multi-Milliarden Dollar Markt blickt. Im Prinzip nichts Neues – ausgerechnet Amazon hat schon längst mit „Amazon Flex“ einen ähnlichen Dienst möglich gemacht.

Darf’s ein bisserl sozialer sein?

Angesichts dieser Entwicklungen drängt sich eine Frage auf: Woher kommt dieses Umdenken?

Wenn man Verbraucher vor wenigen Jahren fragte, ob ihnen Preis oder Image wichtiger ist, hat sich die Mehrheit an das eigene Börserl gekrallt. Heute beweisen die sogenannten Prosumer – die Influencer unter den Konsumenten – dass nicht nur mehr das Produkt im Kaufentscheidungsprozess zählt sondern immer mehr die Produktumwelt und dessen „kultureller Fußabdruck“. Und da ist nicht (nur) die Rede von kurzen Lieferdistanzen, sondern mehr die Mentalität, die hinter der kompostierbaren Frischhaltefolie, den Oversize-Shirts aus fairtrade-Baumwolle oder dem neuen Bestseller aus der Bücherei nebenan steht. Es geht um die Geisteshaltung, den Multis dieser Welt nicht weiter den Rachen mit Dollarnoten auszupolstern. Der aufgeklärte Konsument will sehen, wie das Unternehmen, dem man zu einem höheren Umsatz verhilft, brav Steuern zahlt und sich nicht in off-shore Idyllen verschanzt. Besonders Zielgruppen unter 30 wissen Marken zu schätzen, die Individualismus verkörpern. Laut dem aktuellen Prosumer Report wären 6 von 10 Prosumer bereit, mehr für etwas zu bezahlen, wenn sie dem Absender Vertrauen schenken. Kein Wunder, dass die „Lobus“ dieser Welt auf Zuspruch stoßen. Denn wer sich sprichwörtlich „Wir sagen dem Verschwendertum den Kampf an“ auf die Fahne schreibt, hat genau verstanden, wie sozio-kulturelles Marketing funktioniert. Heute mehr denn je.

Momentan sieht es also so aus, als würden sich viele die längst ersehnte Abnabelung von den Großkonzernen und damit die nötige Versorgungsautarkie wünschen. Der Mut, den genannten Big Playern das Fürchten zu lehren, ist da. Was noch fehlt, ist die flächendeckende Infrastruktur. Wir werden sehen, wie groß die Schritte bei den Marktanteilen sein werden, und welche (Marken-)Namen wir in Zukunft öfter im gleichen Atemzug mit den Worten „The Next Local Thing“ hören werden.